Schlangen als Waffen, QAnon, Selbstjustiz und Umsturzfantasien
Die Staatsverweigerungsgruppe «We the people Switzerland» sorgt mit Fantasie-Haftbefehlen für Schlagzeilen. Was dahintersteckt.
Mehr als 250 Politiker:innen, Staatsangestellte und weitere unliebsame Personen hat die Staatsverweigerungsgruppierung «We the people Switzerland» per Fantasie-Haftbefehl ausgeschrieben. Darüber berichtete kürzlich «20 Minuten».
Recherchen von FLIMMER.MEDIA zeigen: Die Website der Gruppierung ist inzwischen vom Netz genommen worden. Gemäss Darstellung von «We the people Switzerland» habe die Zürcher Strafverfolgung beim Hoster der Website interveniert.
Ein genauerer Blick auf «We the people Switzerland» enthüllt eine bizarre Parallelwelt, in der sich die Staatsverweigerer:innen bewegen. Einige Beispiele.
«Haftbefehle» und Pranger
Mittels Onlinegenerator konnten auf der Website von «We the people Switzerland» die sogenannten «Haftbefehle» für die Staatsverweigerungs-Selbstjustiz aufgrund teilweise fiktiver, teilweise verdrehter Tatbestände erstellt werden. Hier ein Beispiel eines Dokuments, das die Gruppierung selbst ausgestellt hat:
Die Schreiben sind, wie in Staatsverweigerungskreisen üblich, mit der Schreibweise «:vorname :nachname» sowie Fingerabdrücken signiert. Einige der Personen, gegen die solche «Haftbefehle» erlassen wurden, wurden auch auf einem «Pranger» auf der Website aufgeführt. Dort fand sich auch der Name Mutter Theresa.
Eine Frau – sie selbst bezeichnete sich früher als «Freimännin», danach als «geistlich sittliches Lebewesen, homo vivens in corpore, mente, anima et spiritu the living woman» – liess im Frühjahr 2024 einen «Haftbefehl» für eine Churer Stadträtin ausstellen. Rund zwei Jahre zuvor wollte sie sich noch selbst für die SVP ins Graubündner Kantonsparlament wählen lassen.
QAnon und KESB
Die Gruppierung orientiert sich stark an der rechtsextremen und antisemitischen Verschwörungserzählung rund um QAnon. Bei QAnon zentral: Der Kampf Gut gegen Böse. Als Erlöser wird der verurteilte Sexualstraftäter und Wieder-US-Präsident Donald Trump gesehen. Kein Wunder also, dass QAnon beim Sturm auf das US-Kapitol 2021 führend war. QAnon sieht eine angeblich satanistische weltweite Elite, die Kinder entführe, foltere und ermorde und aus deren Blut das Verjüngungsserum Adrenochrom gewinne. Und: Diese Elite habe den Staat unterwandert und bilde einen «Deep State».
Die Schweizer Version von QAnon – die nicht nur «We the people Switzerland» verbreitet – sieht so aus: Die Schweiz gibt es eigentlich gar nicht, sie ist ein Firmenkonstrukt ohne Existenzrecht. Die satanistische Elite wirke auch hier, als Beweis wird gerne eine vermeintlich satanistische Kultur-Performance an der Eröffnungsfeier der Gotthard-Tunnelröhre von 2016 herbeigezogen.
«We the people Switzerland» schreibt dazu: «Haben Sie eine Vorstellung, wie viele der so genannten Leaders, Politiker, Sport- und Medienleute an satanischen Ritualen teilnehmen, um Ruhm und Reichtum zu erlangen und zu behalten? Dies geschieht Weltweit. Hier publizieren wir nur einen Bruchteil von dem was wirklich stattfindet. Suchen Sie nach #Adrenochrome. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.» (Schreibfehler im Original).
Diese Satanist:innen-Elite, die die Nicht-Schweiz kontrolliert, brauche selbstverständlich auch Kinderblut. Beschafft werde ihr das von – Trommelwirbel – der KESB (Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde), seit jeher beliebte Projektionsfläche und Feindbild. Die KESB würde deswegen «Kinder entführen» (gemeint sind damit Fremdplatzierungen) sowie systematisch Familien quälen und zerstören. «We the people Switzerland» spricht vom «Vernichtungskrieg KESB».
QAnon war beim Angriff auf den deutschen Bundestag 2021 ausschlaggebend. Wichtig war die Verschwörungserzählung auch für die Reichsbürger:innen-Terrorgruppe «Patriotische Union». Ein Teil der Gruppierung war offenbar überzeugt davon, dass sich die deutsche Bevölkerung den eigenen Umsturzplänen anschliessen würde, wenn sie «die Wahrheit» über die «satanistische Elite» und ihre angeblichen Machenschaften erfahren würde.
Schweiz unter Kontrolle der US-Militärs
«We the people Switzerland» verbreitete im Frühling 2024 eine «Besondere Mitteilung an alle Schweizer Mitbürger» in Videoform. Darin heisst es, die Schweiz stehe unter voller Kontrolle des US-Militärs und des Schweizer Militärs, das sich unter der Kontrolle von «We the people Switzerland» befinde.
Wie diese angebliche Zusammenarbeit aussieht, wird in internen Chats, die
FLIMMER.MEDIA vorliegen, deutlich. Betreffend der Fantasie-Haftbefehle versichert die Führungsriege, dass sie «via Mail mit elektronischem Sendenachweis an die Air Force Inspector General gesendet» worden seien.
Im Video geht es weiter darum, dass die Schweizer Regierung die Bevölkerung mittels Covid-Impfung vergiftet habe und die Nicht-Geimpften ebenfalls vergiftet seien, mittels militärischer Biowaffe. Deswegen solle man keine Steuern mehr zahlen. Wer Steuern zahle, unterstütze ein Regime, das im Krieg Verrat gegen die Vereinigten Staaten begangen habe.
Das Video ist auf englisch mit deutschen Untertiteln, was angesichts der US-Kontrolle, unter der die Schweiz ja stehe, logisch erscheint. «So just put your tax bills into the dustbin or burn it in the Cheminée» (Aussprache klingt mehr nach Wiggiswil als Washington), wird im Video empfohlen.
«John F. Kennedy» im Einsatz für Trump
Laut Angaben von «We the people Switzerland» handelt es sich beim Sprecher des Videos um einen ehemaligen Banker und Filmproduzenten, der sich während der Corona-Pandemie radikalisiert hat. Seine antisemitischen und verschwörungsideologischen Statements verschafften ihm rasch Aufmerksamkeit im Milieu der Virus- und Staatsleugner:innen. Er nennt sich «John F. Kennedy».
Gemäss Recherchen des «Tages-Anzeigers» behauptet der selbsternannte «JFK» seit Anfang 2024, im Auftrag der US Space Force zu handeln. Dabei handelt es sich um einen US-Militärzweig, den die Trump-Regierung 2019 geschaffen hatte. Das Logo der US Space Force findet sich in den Videos des ehemaligen Bankers, der manchmal bei Interviews auch deren Jacke trägt.
«JFK» erklärt die Welt in bester QAnon-manier so: Sie befindet sich in einem «von den USA geführten weltweiten Verteidigungskrieg» namens #Storm, in dem der ehemalige Präsident Donald Trump sein «Commander in Chief» sei. In diesem «Krieg» würden angeblich «Millionen von Menschen», insbesondere korrupte Regierungsmitglieder, Journalisten und das Gesundheitspersonal, das die Impfung verabreichte, ermordet.
Ebenfalls 2024 veröffentlichte «JFK» ein Video, in dem er verschiedene unliebsame Wissenschafter:innen, Politiker:innen und Wirtschaftsführer:innen mit Judensternen markierte. Im Video waren Schiessgeräusche zu hören, danach lösten sich die Bilder per Animation auf.
Schweizer Systemsturz
In der «Besonderen Mitteilung an alle Schweizer Mitbürger» heisst es weiter: Die Schweizer Regierung werde «natürlich ausgelöscht und entfernt» und stattdessen werde eine Militärregierung übernehmen (wir haben ja bereits gelernt, dass das Schweizer Militär angeblich unter der Kontrolle von «We the people Switzerland» stehe). Diese Militärregierung würde dann die Schweizer Bevölkerung befreien und beschützen.
Es ist nicht das einzige Mal, dass «We the people Switzerland» vom «Systemsturz» spricht. Auf der Website und auch der internen Telegram-Gruppe fallen immer wieder solche Begrifflichkeiten.
Selbstverteidigung mit Schlangen
Wer sich dem gefährlichen Deep State so mutig entgegenstellt, sollte sich darauf vorbereiten, dass das Imperium zurückschlägt. Aus Deutschland ist bekannt, dass die Reichsbürger:innenszene eine grosse Affinität für Waffen hat. Und auch in der Schweiz wurden im Staatsverweigerungsmilieu Waffen beschlagnahmt.
Eher ungewöhnlich ist dennoch folgende Verteidigungstaktik von «We the people»-Experte «:peter». Gemäss seinen Aussagen in geheimen Chats, die
FLIMMER.MEDIA vorliegen, stellt er aus selbstgezogenen Chilis eigenes Pfefferspray her, das stärker sei, als der von der Polizei verwendete Reizstoff.
Ausserdem würde «:peter» selbst Schlangen züchten. Zwar sei seine aggressive Kobra leider gestorben. Er habe aber noch Giftschlangen, natürlich entgegen der Bewilligungspflicht bei den Behörden nicht registriert, behauptet er. Die Vorstellung, dass eine Sondereinheit seine Wohnung stürmen und dann von Schlangen angegriffen würde, macht ihm und anderen Staatsverweigerer:innen offenbar sehr gute Laune.
Skuril und gewalttätig
Der Verschwörungsmythos rund um Qanon klingt und ist absurd. Dennoch: 15 bis 20 Prozent der US-Bevölkerung sind davon überzeugt. Gemäss einer Studie von 2022 glaubt in der Schweiz ungefähr jede:r Zehnte an eine Verschwörungserzählung. Das deutsche «Center für Monitoring, Analyse und Strategie» kam 2021 zum Schluss, dass QAnon im deutschsprachigen Raum nach den USA am meisten Anklang findet und insbesondere Covid-19-Ungeimpfte stark an die Verschwörungserzählung glauben.
Dasselbe gilt für die Staatsverweigerungsszene, in der nach eigenen Angaben Ungeimpfte die Mehrheit stellen dürften. Analysen von
FLIMMER.MEDIA zeigen: In Telegramchats, in denen QAnon ein Thema ist, findet sich eine wesentlich aggressivere Grundstimmung, als in anderen Staatsverweigerungs-Channeln.
Diese Aggression beschränkt sich nicht auf Worte. Wie schon ausgeführt, spielte der Verschwörungsmythos beim Sturm auf das US-Capitol und den deutschen Bundestag sowie für Teile der terroristischen «Patriotischen Union» eine zentrale Rolle. Weltweit kam es zu zahlreichen, teilweise verhinderten Bluttaten, die sich mit QAnon in Verbindung bringen lassen. Der Attentäter von Hanau (D) beispielsweise beschäftigte sich ebenfalls intensiv mit diesen Inhalten und wurde dadurch in seinen Überzeugungen bestärkt.
In der Schweiz: Kindesentführungen und KESB-Belagerungen
In der Schweiz sind bisher insbesondere Kindesentführungen im Zusammenhang mit QAnon öffentlich bekannt. Zum Beispiel der Junge Noah (Name geändert). Er wurde 2021 von seiner Mutter und Verschwörungsgläubigen für «Untersuchungen» zu Maximilian Eder, einem mutmasslichen Drahtzieher der «Patriotischen Union», nach Deutschland entführt und dort versteckt.
Wie FLIMMER.MEDIA weiss, wurden mehrere Schweizer Journalist:innen, die zu dieser Thematik publizierten, von Verschwörungsgläubigen massiv und anhaltend bedrängt.
Bei einer wochenlangen Anti-Impf-KESB-Belagerung in Sissach (BL) im Herbst 2023 fanden sich unter den Unterstützenden gemäss Recherchen von
FLIMMER.MEDIA zahlreiche Figuren aus dem Staatsverweigerungs- und QAnon-Milieu. Und auch ein Kinderheim im Kanton Solothurn geriet kurz darauf wegen der «Gefangenschaft» eines Mädchens in den Fokus von QAnon-Gläubigen. Darunter auch die «Freimännin» und Ex-SVPlerin von «We the people Switzerland». Sie verfasste einen einen Drohbrief an die zuständige KESB.
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Unsere Quellen
Tagesanzeiger.ch: Schweizer Ex-Banker ruft zum Mord an Juden und Bundesrat auf
Bajour.ch: Warum Staatsfeind*innen schon wieder eine Institution unweit von Basel belagern
Spiegel.de: "Für so was braucht man Waffen"
Cemas.io: „Q vadis? Zur Verbreitung von QAnon im deutschsprachigen Raum“
Spiegel.de: Der gefährlichste Kult unserer Zeit
Rnd.de: Terror in Hanau: Die kranke rassistische Gedankenwelt des Tobias R.
Zeit.de: "QAnon wächst in Deutschland rasant"
20min.ch: «We the people»: Staatsverweigerer prangern 250 Beamte an
Bazonline.ch: Der «Fall Nathalie» – die Hölle im Kopf
Bazonline.ch: Sohn (5) entführt: Mutter und zwei Gehilfinnen verurteilt
Zhaw.ch: Staatsverweigerer in der Schweiz – eine empirische Annäherung
Nzz.ch: Ein Staatsverweigerer hortet Waffen und hält Polizei und Behörden auf Trab
Nau.ch: Sissach BL: Gefährlicher Corona-Skeptiker wird entwaffnet
Bazonline.ch: Kindern droht die Zwangsimpfung mit Polizeieinsatz
heisst mit bürgerlichem Namen Anna Bursian. Sie ist Gründerin von FLIMMER.MEDIA. Lotta hat sich auch durch jahrelange investigative Recherchen eine umfassende Expertise zu demokratiefeindlichen Bewegungen und Strukturen aufgebaut. Vor FLIMMER.MEDIA publizierte sie in verschiedenen Medien in der Schweiz und Deutschland.
ist Gründerin von FLIMMER.MEDIA. Die diplomierte Journalistin (MAZ – Institut für Journalismus und Kommunikation, Luzern) und beschäftigt sich seit Jahren mit extremistischen Tendenzen und Milieus. Sie wurde 2022 als eine der besten 30 Schweizer Journalist:innen unter 30 ausgezeichnet. Im selben Jahr stand sie auf der Shortlist für die Auszeichnung «Newcomerin des Jahres». 2023 erreichte sie die Shortlist-Nomination als «Gesellschaftsjournalistin des Jahres». Vor FLIMMER.MEDIA arbeitete sie bei verschiedenen Publikationen in Basel.