Der Dank an die Kurd:innen? Ein roter Teppich für ihren Feind
Während in Syrien die Gefängnisse mit IS-Kämpfern zu kollabieren drohen, sollte Ahmed al-Scharaa in Davos über «Reformen und Investitionsmöglichkeiten» sprechen. Seine Truppen greifen derzeit jene kurdischen Kräfte an, die Europas Dschihadisten bewachen – auch Schweizer.
Wer heute auf der Website des World Economic Forum (WEF) nach dem Auftritt von Ahmed al-Scharaa sucht, landet im digitalen Nichts: «Error 404». Der syrische Machthaber hat allem Anschein nach seinen Auftritt kurzfristig abgesagt. Das Portal Arab News schreibt unter Berufung auf ein hochrangiges Mitglied der syrischen Delegation, dass die innenpolitische Lage Grund für al-Scharaas Nichterscheinen sei. Dass Davos ihn überhaupt auf die Bühne holen wollte, bleibt indes ein Eklat.
Denn Ahmed al-Scharaa ist eines der Gesichter des modernen, transnationalen Dschihadismus. Er radikalisierte sich Anfang der 2000er-Jahre, schloss sich al-Qaida-Netzwerken an und wurde später vom damaligen IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi nach Syrien entsandt. Dort gründete er unter dem Kampfnamen Abu Muhammad al-Jolani die Jabhat al-Nusra. Dabei handelte es sich nicht um irgendeine Rebellengruppe, sondern um den offiziellen syrischen Arm von al-Qaida. Die Organisation landete wegen brutaler Hinrichtungen, Selbstmordattentaten und ihrer radikalen Ideologie weltweit auf den Terrorlisten. Sein Ziel war von Beginn an die Errichtung eines Gottesstaates. Bis Ende 2024 hatten die USA eine Belohnung von 10 Millionen Dollar auf seinen Kopf ausgesetzt.
Unter seiner Führung starben Tausende, vor allem Zivilist:innen. Dass sich die Gruppe später in Hayat Tahrir al-Sham (HTS) umbenannte, war eine strategische Neupositionierung, keine moralische Umkehr. In den HTS-Gebieten leiden Kurd:innen, Alawit:innen, Christ:innen und Jesid:innen bis heute unter religiöser Repression und Gewalt.
Schon die Ankündigung seines Besuchs sorgte für Empörung. In Davos und weiteren Städten gingen Menschen auf die Strasse, um gegen die Normalisierung des ehemaligen Terrorführers zu demonstrieren. Besonders die kurdische Diaspora zeigte sich entsetzt – und engagiert. Ihre Botschaft war eindeutig: Wer al-Scharaa hofiert, während dessen Truppen in Syrien Massaker verüben, verrät jene, die unter höchsten Opfern den IS zerschlagen haben.
Hier radikalisiert, in Syrien ignoriert
Als der Islamische Staat (IS) wütete, reisten zahlreiche Personen aus der Schweiz nach Syrien aus. Viele von ihnen sitzen heute in Gefängnissen der Autonomen Verwaltung in Nordostsyrien (Rojava). Der wohl prominenteste Fall ist Daniel D. aus Genf. Ohne Migrationshintergrund, in einer katholischen Familie aufgewachsen, radikalisierte er sich hier und zog 2015 in den Heiligen Krieg. Er gilt als der gefährlichste Dschihadist der Schweiz: Er plante Anschläge und meldete sich als Selbstmordattentäter. Heute sitzt er, gesundheitlich angeschlagen, im kurdischen Gefängnis von Derik. Während seine Eltern in der Schweiz wegen Terrorfinanzierung vor Gericht stehen, weil sie ihm Geld für eine angebliche Flucht schickten, bleibt der Sohn im diplomatischen Abseits. Ähnlich der Fall «Fabien» aus Lausanne: Konversion 2014, Ausreise 2015. Auch er sitzt seit Jahren in kurdischer Haft. Seine Hoffnung auf ein Verfahren in der Schweiz wurde stets enttäuscht. Ihre Chancen auf Rückkehr steigen erst mit dem Machtwechsel in Damaskus – durch al-Scharaa.
Airbag droht zu platzen
Die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) bewachen unter enormem Aufwand Gefängnisse mit schätzungsweise Zehntausenden IS-Inhaftierten. Diese Lager dienten faktisch als Sicherheits-Airbag für Europa. Doch dieser Airbag droht zu platzen. Die SDF stehen unter existenziellem Druck: Türkische Angriffe destabilisieren die Region, und die Truppen von Ahmed al-Scharaa verüben gerade Massaker an der kurdischen Bevölkerung. Der Mann, der bis vor Kurzem auch im Westen als gesuchter Terrorist galt und für die Tötung von Drusen und Minderheiten verantwortlich ist, führt seinen Krieg mit brutaler Härte fort.
Angesichts dieser Gewaltwelle ist absehbar, dass die Kurd:innen die Gefängnisse militärisch nicht mehr halten können. Laut Berichten, unter anderem vom kurdischen Sender Rudaw unter Berufung auf SDF-Sprecher Farhad Shami, sind rund 1500 IS-Mitglieder entkommen. Darunter könnten sich auch Personen mit europäischen Pässen befinden. Johannes Saal, Dschihadismus-Experte an der Universität Luzern, warnt, dass westliche Staaten die Kurden mit dem Problem allein lassen – obwohl sich die Täter hier radikalisiert haben. «Wir haben Zehntausende Märtyrer geopfert, damit eure Länder in Frieden leben können. Wir müssen kooperieren», mahnte Siyamend Ali, Medienverantwortlicher der SDF. Die Forderung ist seit Jahren gleich: Rückführung und internationale Verantwortung. Badran Cia Kurd, ein Vertreter der Autonomen Verwaltung, warnte gegenüber Swissinfo, dass die Situation ohne internationale Tribunale gefährlicher werde.
Die Schweizer Doppelmoral
Bern weist die Verantwortung weitgehend zurück. Das Aussendepartement (EDA) stellte in der Vergangenheit klar, dass die Sicherheit der Schweizer Bevölkerung Vorrang habe und man diese Personen nicht aktiv zurückholen wolle – auch wenn ein aktuelles Bundesgerichtsurteil zumindest eine Prüfung des Falls Daniel D. verlangt. Die Strategie der Externalisierung droht nun endgültig zu scheitern. Wenn die Gefängnisse in Rojava fallen, könnten diese Männer unkontrolliert zurückkehren.
Die Schweiz war bereit, dem Brandstifter den roten Teppich auszurollen, lässt aber die Feuerwehr – die kurdischen Verbündeten – mit den gefährlichen Altlasten allein. Dass al-Scharaa nun doch nicht kommt, ändert nichts an der beschämenden Botschaft, die Davos und Bern gesendet haben: Für Machtpolitik ist immer ein Platz am Tisch frei, für rechtsstaatliche Verantwortung fehlt angeblich der Stuhl.
Quellen:
- https://www.aargauerzeitung.ch/schweiz/terror-der-gefaehrlichste-schweizer-dschihadist-sitzt-in-einem-syrischen-gefaengnis-was-wird-jetzt-aus-ihm-ld.2719434
- https://www.arabnews.com/node/2630090/world
- https://www.theguardian.com/world/2026/jan/21/north-east-syria-security-situation-fears-islamic-state-militants
- https://www.swissinfo.ch/ger/aussenpolitik/schweizer-dschihadistinnen-seit-sechs-jahren-ohne-verfahren-in-syrien-im-gef%C3%A4ngnis/78801548
heisst mit bürgerlichem Namen Anna Bursian. Sie ist Gründerin von FLIMMER.MEDIA. Lotta hat sich auch durch jahrelange investigative Recherchen eine umfassende Expertise zu demokratiefeindlichen Bewegungen und Strukturen aufgebaut. Vor FLIMMER.MEDIA publizierte sie in verschiedenen Medien in der Schweiz und Deutschland.
Tim Haag hat am MAZ – Institut für Journalismus und Kommunikation in Luzern Journalismus studiert. Er arbeitete unter anderem bei SRF «Kassensturz» und als Politikredaktor der p.s.-Zeitung. Heute schreibt er für FLIMMER.MEDIA über politische, religiöse und gesellschaftliche Strömungen, die die Demokratie gefährden.