«Eine Welle reicht – und das Boot ist weg»

Tatort Mittelmeer: Während Europa wegschaut, sichert Geesche Wilts die Beweise. Die Archäologin erforscht auf Lampedusa Flucht anhand dessen, was an den Küsten zurückbleibt.

Ein Holzboot vor der Küste Lampedusas
Was von der Überfahrt bleibt: Ein Wrack auf Lampedusa. (Bild: Geesche Wilts)

An der Via Roma auf Lampedusa gibt es drei Open-Air-Bühnen mit Live-Musik, ein Freiluftkino, Gelaterias. Am Ende der Strasse kann man sich einen Cocktail holen und über den Hafen schauen – direkt auf die Frontex-Mole, wo gerade Geflüchtete ankommen. «Diese Parallelität muss man erst verarbeiten», sagt Geesche Wilts. «Einer der schönsten Orte der Welt, gleichzeitig absolutes Leid.»

Sie sind Archäologin und erforschen die Gegenwart. Wie passt das zusammen?

Geesche Wilts: Die Archäologie verfügt über Methoden, um aus kleinsten Spuren zu lesen. Das lässt sich auf die Gegenwart übertragen. Wir erforschen sogenannte Non-Places – Orte des Übergangs, die politisch unsichtbar gemacht werden sollen. Wir geben diesen Orten Sichtbarkeit, indem wir genau dokumentieren, was dort passiert.

Wie finden Sie die Boote?

Ich nutze Netzwerke vor Ort, lokale Nachrichten und Wetterdaten. Lampedusa hat 5 000 Einwohner, viele wissen mittlerweile, was ich mache. Der Wind zeigt mir, in welche Richtung Boote gedrückt werden.

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Geesche Wilts forscht seit zehn Jahren auf Lampedusa. Die Insel ist für sie zu einer zweiten Heimat geworden. (Bild: Sion Lübbe)

Woran erkennen Sie die Herkunft eines Bootes?

Zum einen an den Bauweisen – die unterscheiden sich zwischen libyschen und tunesischen Booten. Zum anderen an der Verpflegung. Die Wasserflaschen und die Lebensmittel werden in der Region eingekauft, wo das Boot startet. In Tunesien gibt es ein Gesetz: In die Flasche muss eingeprägt werden, wann sie abgefüllt wird. Fehlt dieses Prägedatum, ist es oft eine libysche Flasche. Auch die regionalen Marken von Süssigkeiten lassen sich gut auseinanderhalten. Das ist Typologie – eine archäologische Methode. Wir ordnen Gegenstände anhand von optischen Kriterien nach Raum und Zeit ein. Ich wende diese Methode, die eigentlich für antike Keramik entwickelt wurde, auf PET-Flaschen an.

Archäologie der Gegenwart: Geesche Wilts vermisst eine PET-Flasche von einem Fluchtboot.
Aus kleinsten Spuren lesen: Geesche Wilts dokumentiert eine PET-Flasche. Fehlt das Prägedatum, stammt sie oft aus Libyen. (Bild: Geesche Wilts)

Was machen Sie, wenn Sie ein Boot dokumentieren?

Ich schaue erst, was drum herum liegt. Die Menschen steigen aus und werfen ihre Sachen weg, weil sie nach der Überfahrt grösstenteils kaputtgegangen oder unfassbar eklig geworden sind. Ich fotografiere die Situation, wie ich sie gefunden habe. Nichts anfassen, nichts verändern.

Danach messe ich: Vom Groben ins Feine. Grösste Länge, grösste Breite, dann die einzelnen Teile. Ich filme alles, damit ich es rekonstruieren und belegen kann. Ein Boot habe ich drei Jahre lang immer wieder dokumentiert, um zu sehen, wie es zerfällt. Das ist wichtig für Seenotretter – beispielsweise um zu wissen, ob und wo ein Boot bei der Rettung auseinanderbricht.

2023 dokumentierten Sie plötzlich viele selbstgebaute Metallboote aus Tunesien. Sie nennen diese Konstruktionen «Selbstmordmaschinen». Warum?

Weil sie extrem gefährlich sind. Wenn sie voll besetzt sind mit vierzig, fünfzig Personen, liegen sie so tief im Wasser, dass nur noch zehn bis fünfzehn Zentimeter über der Wasseroberfläche herausragen. Eine Welle reicht und das Boot läuft voll. Es ist kein Schlauchboot – wenn das durchbricht oder unter Wasser gedrückt wird, gibt es keinen Schlauch zum Festhalten. Das Boot sinkt wie ein Stein.

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Ein gestrandetes Metallboot. Bei Vollbesetzung mit vierzig, fünfzig Personen ragen nur noch wenige Zentimeter über die Wasseroberfläche. (Bild: Geesche Wilts)

Haben Sie Erkenntnisse darüber, wie diese Boote untergehen?

Ich kenne Berichte von Überlebenden und Seenotrettern. Es gibt zwei Szenarien. Entweder bricht die instabile Struktur, es gibt einen Sog, das Boot verschwindet mit einem lauten «Blubb» und alle Insassen werden vom Meer verschluckt. Das andere Szenario: Das Boot läuft langsam voll, die Menschen tragen bereits Rettungswesten der Seenootrettung und treiben im Wasser. Das Wrack sinkt einfach unter ihnen weg. Keiner bemerkt den genauen Moment, in dem es verschwindet.

Warum wurden diese Boote plötzlich so häufig genutzt?

Die meisten Überfahrten nach Lampedusa starteten in dieser Zeit von der tunesischen Küste aus. In Tunesien herrscht eine stark rassistische Regierung, unter der auch die eigene Bevölkerung leidet. Deshalb waren 15 Prozent der Flüchtenden, die in Tunesien gestartet sind, selbst Tunesier. Gleichzeitig waren Metallboote plötzlich verbreitet, weil so viel über die Gefahren von Schlauchbooten bekannt war. Die Annahme war: Metall ist sicherer. Das war ein Irrglaube.

Ich habe 2023 versucht, mit Journalisten zu sprechen, damit Informationen über die Gefährlichkeit dieser Boote in die Medien kommen – auch in nordafrikanische Medien. Das hat funktioniert: Es hat sich herumgesprochen, dass Metallboote noch gefährlicher sind als Schlauchboote. Jetzt werden wieder Schlauch- oder Holzboote genutzt. Diesen Sommer gab es auch Palästinenser, die mit Jetskis übers Mittelmeer gefahren sind.

Was finden Sie sonst auf den Booten?

Viel Kleidung, Schuhe. Manchmal dominiert Schuhgrösse 36 – dann weiss ich: Eigentlich sollten die Insassen nicht auf einem Boot, sondern an einer Schulbank sitzen. Die meisten Flüchtenden sind Teenager, junge Erwachsene. Von Bangladeschis bis Sudan. Einmal fand ich ein Paket mit frischen Windeln, Milchpulver, einem Fläschchen. Ein anders mal eine Babydecke. Hellblau, mit einem Pinguin darauf. Und in der Nähe: Eine Babyschwimmweste und den dazu passenden Badeschuh.

Wie gehen Sie mit solchen Funden um?

Bei der Babydecke habe ich geweint. Aber das war eine Ausnahme. Normalerweise schalte ich mein Herz ein, und das sagt mir: Ich kann Menschenleben retten, indem ich möglichst gut und genau dokumentiere. Ich bin nicht der Mensch, der das Leid ausblendet, aber ich kann niemandem helfen, wenn ich anfangen würde zu jammern. Mir geht es gut, sobald ich auf Lampedusa lande. Es ist ein zweites Zuhause. Hier kann ich den ganzen Tag sinnvolle Dinge machen. Es könnte mir nicht besser gehen.

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Die Überfahrt auf einem grossen Holzboot kostet ein Vielfaches von einem Platz auf einem Metallboot. (Bild: Geesche Wilts)

Lässt sich anhand der Fundstücke auch eine soziale Hierarchie an Bord ablesen?

Eindeutig. Einmal fand ich eine Louis Vuitton Handtasche – auf einem massiveren Holzboot. Auf den schrottreifen Metallbooten finde ich eher Hinweise auf ärmere Personen, oft mit schwarzer Hautfarbe, westafrikanische Wachstücher zum Beispiel.

Es gibt also eine Klassengesellschaft auf dem Mittelmeer.

Ja. Die Überfahrt auf einem grossen Holzboot kostet ein Vielfaches von einem Platz auf einem Metallboot. Auch Rettungswesten oder Autoreifenschläuche kosten extra. Wer mehr Geld hat, kauft sich eine höhere Überlebenschance.

Autoreifenschläuche – reicht das, um zu überleben?

In der Regel nicht. Man kann damit nicht übers Mittelmeer schwimmen, es sei denn, man ist Profischwimmer. Es gibt einen dokumentierten Fall von einem elf- oder zwölfjährigen Mädchen, das auf zwei oder drei Reifen gelegen hat und als einzige überlebt hat, vier Tage lang im Meer. Aber das ist eine absolute Ausnahme.

Selbst wenn das Boot nicht sinkt, ist die Überfahrt lebensgefährlich. Welche Gefahren gibt es noch?

Die Menschen verletzen sich an den scharfen Kanten der Metallboote, die Wunden entzünden sich. Das Metall wird heiss, rostet im Salzwasser. Sie haben Verbrennungen, wo ihr Körper das Boot berührt. Wenn jemand die Motoren nachfüllt, kleckert Treibstoff ins Boot. Die Verbindung von Treibstoff und Salzwasser kann hochgradig gefährliche chemische Verletzungen auslösen. Das passiert auf allen Bootstypen – Metallboote, Schlauchboote, Holzboote. Bei einem Drittel der Boote gibt es chemisch Verletzte, weil sich die Haut ablöst. Die Menschen skelettieren bei lebendigem Leib. Der Inselarzt Pietro Bartolo nennt das die «Schlauchbootkrankheit».

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Autoreifenschläuche dienen als behelfsmässige Rettungsringe.

Mitte September 2023 kamen innerhalb von zwei Tagen über 7 000 Menschen auf Lampedusa an – mehr als die Insel Einwohner hat. Matteo Salvini, damals Vizepremier und Verkehrsminister, sprach von einem «Kriegsakt». Sie waren vor Ort. Was haben Sie beobachtet?

Ich war zu diesem Zeitpunkt auf der Insel und konnte sehen, was tatsächlich geschah. Die Erklärung war eine andere als die von Salvini: Die selbstgebauten Metallboote können nur bei absoluter Windstille fahren. In diesen Tagen herrschten genau solche Bedingungen. Menschen, die seit Wochen auf eine Gelegenheit zur Überfahrt warteten, hatten die Wettervorhersage verfolgt und das kurze Zeitfenster genutzt. Gleichzeitig hatte die tunesische Regierung ihre rassistische Politik verschärft, der Druck auf Migranten nahm massiv zu.

Die Entwicklung war absehbar. Ich hatte meine Forschungsreise ein halbes Jahr zuvor geplant, weil ich mit einer solchen Situation rechnete. In den Medien hiess es dennoch, niemand habe das voraussehen können. Aus meteorologischen Gegebenheiten und politischem Druck einen Kriegsakt zu konstruieren, finde ich zynisch.

Haben Sie Kontakt mit den Geflüchteten?

Kaum. Es gibt das Lager im Inneren der Insel, umzäunt, mit Wachposten. Die Menschen werden dahin gebracht, man sieht sie nicht, bis sie zwei, drei Tage später weggebracht werden. Manchmal treffe ich Menschen direkt am Ufer, unmittelbar nach der Ankunft. Sie sind völlig erschöpft und gleichzeitig erleichtert, überlebt zu haben. Mit dem Gefühl, heute beginnt mein Leben. Euphorisch, obwohl sie gerade noch Todesangst hatten.

Es gibt auch eine Art gegenseitiger Erkennung über den Geruch. Die Boote haben einen sehr spezifischen Geruch – Seenotretter nennen ihn «Eau de Fluchtboot». Eine Mischung aus Treibstoff, Salzwasser und Schweiss. Er dringt in die Kleidung ein und lässt sich wochenlang nicht auswaschen. Menschen, die gerade angekommen sind, riechen, dass ich auf solchen Booten gewesen bin. Ich rieche es an ihnen. Manchmal entsteht dadurch Vertrauen.

Wie kann Ihre archäologische Forschung konkret Leben retten?

Ich bin im Austausch mit Ausbildern für Seenotrettungsmissionen. Ich liefere Daten: Wo brechen die Boote durch? Wo ragen unter Wasser unsichtbare Metallspitzen hervor? Das hilft den Rettern, sich selbst und die Menschen nicht zu verletzen. Aber es geht um mehr. Wenn man meine Arbeit – die Dokumentation dieser tödlichen Konsequenzen – als Argument nimmt, müsste man politisch umdenken.

Inwiefern?

Der effektivste Weg, Leben zu retten, wäre, wenn man diesen Grenzbefestigungswahnsinn sein lässt. Meine Funde belegen ja, dass die Aufrüstung die Flucht nicht stoppt. Die Flüchtenden denken sich immer etwas Neues aus. Und sie werden versuchen zu fliehen, egal wie tödlich es ist. Ein Flüchtender hat mir mal gesagt: «Tot bin ich so oder so, aber wenn ich es versuche, dann habe ich wenigstens eine kleine Chance auf ein Leben.»

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In einem Boot, das es über das Mittelmeer schaffte. Geesche Wilts weiss: Egal welche Regelung kommt – die Menschen werden weiter fliehen. (Bild: Simon Lübbe)

Die EU unterscheidet zwischen «berechtigten» Flüchtlingen und «Wirtschaftsflüchtlingen». Was halten Sie davon?

Diese Unterteilung finde ich furchtbar. Ist es weniger schlimm, wenn ein «Wirtschaftsflüchtling» ertrinkt? Sind Menschen, die aus politischen Gründen erschossen werden oder verhungern verschieden doll tot? Das ist meiner Meinung nach ein Argument, um die Leute am unteren Rand der Gesellschaft gegeneinander aufzuwiegeln und echte Veränderungen zu verhindern.

Und gerade eben hat das EU-Parlament beschlossen, Tunesien als «sicheres Herkunftsland» einzustufen.

Das ist eine absolute Katastrophe. Tunesien ist kein sicheres Herkunftsland. Punkt. Es gibt dort rassistische Pogrome, Menschenrechtsaktivisten werden eingesperrt und gefoltert. Schwarze Menschen leben in Olivenhainen in Zeltcamps. Menschen werden in die Wüste deportiert und dort ausgesetzt.

15 Prozent der Geflüchteten, die in Italien ankommen, sind Tunesier. Die fliehen nicht aus wirtschaftlichen Gründen – viele haben für Menschenrechte demonstriert. Vor drei Jahren gab es Pogrome gegen Schwarze. Und jetzt soll man mir erzählen, das sei ein sicheres Land? Die Menschen nehmen diese Todesmaschinen von Booten, weil die sicherer sind als das, was sie in Tunesien erwartet.

Was ist Ihre Prognose für die Zukunft?

Kurzfristig ändert sich nichts. Egal welche Regelung kommt – die Menschen werden sich anpassen und weiter fliehen, solange sie sonst nicht menschenwürdig leben können. Aber ich denke in anderen Zeiträumen als die Politik. Ich habe als Archäologin 2,5 Millionen Jahre Menschheitsgeschichte im Hinterkopf. Langfristig wird sich dieser Planet durch den Klimawandel so stark verändern, dass unsere jetzigen Grenzkonflikte bedeutungslos werden. Vielleicht ist Lampedusa in 50 Jahren unbewohnbar, weil es zu heiss ist.

Sie klingen fast gelassen.

Es ist eher der Blick der Archäologin. Alles wandelt sich. Das ist ja das Kuriose: Die Menschen, die heute gegen den Klimawandel auf die Strasse gehen, werden als linke Spinner dargestellt. Dabei sind sie viel konservativer als die Konservativen.

Wie meinen Sie das?

Sie wollen den Status quo bewahren, damit menschliches Leben weiterhin möglich ist. Die sogenannten Konservativen hingegen nehmen die Zerstörung der Lebensgrundlagen in Kauf. Wer wirklich konservativ ist, müsste in erster Linie das Klima schützen – sonst gibt es bald nichts mehr zu konservieren. Auch keine Grenzen.

Tim Haag hat am MAZ – Institut für Journalismus und Kommunikation in Luzern Journalismus studiert. Er arbeitete unter anderem bei SRF «Kassensturz» und als Politikredaktor der p.s.-Zeitung. Heute schreibt er für FLIMMER.MEDIA über politische, religiöse und gesellschaftliche Strömungen, die die Demokratie gefährden.

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